Beiträge zum 8. Schüler-Mediations-Kongress 2015 in Kleinmachnow

Auf dem bundesweiten Schülermediatoren-Kongress zu Pfingsten an unserer Schule wurde - neben regem Erfahrungsaustausch - vor allem praktiziert. Sekundenschnell die Identität wechseln beim Improtheater. An einem Ablenker dranbleiben. Betteln gehen. Sich rückwärts fallen lassen und blind verlassen.

Streitschlichter unter

sich oder: Wie hört

man mit dem Appell-Ohr?

Die Begriffe, um die es auf einem Mediatoren-Kongress geht, sprechen eigentlich schon für sich. Im Begriff Kommunikation steckt das lateinische Wort communis, gemeinsam. Wer kommuniziert, teilt etwas mit... anderen. Wer Interesse hat, „ist dazwischen“ - und eine Mediation ist nichts anderes als das „Vermitteln“, sprich von den Randpositionen hin in die Mitte bringen.

Gemeinsam und mittendrin waren rund 70 Schüler-MediatorInnen aus bundesweit 14 Waldorfschulen, die für 24 Stunden (abzüglich ein paar weniger Schlafstunden) aus allen Himmelsrichtungen zu unserer Schule gereist waren, um in mehrstündigen Workshops Wissen auszutauschen und zu vertiefen.

Die größte Gruppe interessierte sich für das Thema „Vorurteile“ bei Mediationsausbildungsleiterin Angelika Ludwig-Huber vom Verein „INTEResse“. Im großen Stuhlkreis, der den Musiksaal ausfüllte, wurde zunächst nach eigenen Vorurteilen geforscht. Später schwärmten die Schüler in Kleinmachnow aus, z. B. um Passanten auf die Flüchtlinge bei uns anzusprechen. Andere bettelten Vorbeigehende an und erlebten hautnah, wie es sich auf der anderen Seite so anfühlen kann.

Impro-Theater, Eurythmiesaal. Im-pro-visus, nicht vorher gesehen, ist hier das Geschehen. Zehn SchülerInnen lassen sich von der Fantasie der Mitspielenden und vor allem ihrer eigenen überraschen. Nehmen hopplahopp Identitäten an und werden sie flugs wieder los. Von einer Sekunde auf die andere - eben noch Penner, jetzt braves Einzelkind, gleich Holzhacker und danach Barkeeper auf Teneriffa.

„Scheiße sagt man nicht - ich bin Waldorfschüler“ - Laurens Elm, der junge Leiter der Improtheater-AG, nimmt einen Kommentar aus der Schülergruppe grinsend hin. Er weiß vermutlich, dass im Laufe der AG noch einiges gesagt wird.

Und los geht‘s. Carlottas braune Lederjacke soll zur ersten Improvisation inspirieren.  Sie wird auf eine Bank gelegt. Eine mutige Schülerin steht auf. Telefoniert mit imaginärem Handy, sieht die Jacke vom Ex und verwickelt sich sekundenschnell in eine wilde Story. Lukas aus unserer 9. macht weiter. Er wackelt ziemlich gebrechlich als alte Oma los, entdeckt die Jacke seiner Enkelin Tina und bekümmert sich um die schlamperte „Jugend von heute“.  Ein anderes Mädchen sucht im Kaufhaus ein Geschenk für Jana, die hat nämlich Geburtstag. Der Typ, mit dem sie dabei telefoniert, steht auf Jana. Und da ist diese Jacke! Wenn er Jana die spendieren würde! „Oh, mein Gott, morgen wirst du schon mit ihr zusammen sein!“

Es sind nur wenige Minuten vergangen, und dieses Stegreif-Ensemble ist durch und durch aufgelockert. Ständig wird gelacht, werden Redner abgeklatscht, und ein Dialog jagt den nächsten. Zu albern darf‘s aber nicht werden, dafür sorgt Laurens. „Seid einfach in eurer Rolle“, erinnert er ab und zu. Denn wozu ist die Übung gut außer dafür, live und unkompliziert seinen eigenen Clip zu machen statt ins Smartphone zu gucken? Spielerisch das Anderssein zu üben. Eine Art Snapshot davon zu bekommen, wie sich der Polizist ticken könnte, die Nix-verstehn-Ausländerin, der Streber. Stippvisiten in andere Gefühlswelten.

Bin ich ein Ablenker? Oder ein Ankläger? Ein Beschwichtiger oder ein Rationalisierer? Wie fühle ich mich, wenn ich so bin? Und wie wirke ich dann auf andere? Die SchülerInnen und teilweise auch erwachsenen Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe „Kommunikationsmuster unter Stress“, geleitet vom Dozententeam Stephan Portner/Gabriela Anger, versuchten mittels Stichworten und Gesten herauszufinden, zu welchem Konflikt-Typus sie selbst neigen. Draußen im schönen Schulgarten konnten dann Zweiergruppen in künstlichen Streitschlichtergesprächen üben, wie man in einer Konfliktsituation am besten Vertrauen zu jedem Typus aufbauen kann. Ich durfte ein spannendes Übungsgespräch belauschen, in welchem Schulmutter Sandra Schmidt geschickt die zunächst gar nicht bereitwillige „Ablenkerin“ Gesa Geiger (auch toll in ihrer Rolle) zu einem gemeinsamen Kuchenbacken mit dem fiktiven Streitgegner überreden konnte... und sah uns bereits alle in einem zukünftigen Erwachsenen-Seminar!

Die Erkenntnisse aus den Rollenspielen wurden schriftlich ausgewertet, und so kann sich ein Streitschlichter später daran erinnern, dass zum Beispiel der Macho, der nach außen hin dominant wirkt und gleich herum pöbelt, sich selbst furchtbar schnell angegriffen fühlt...

Ähnlich funktioniert das „Vier-Ohren-Modell“, welches die Schülerinnen Elena Braun und Emma Schätzlein ihrer Arbeitsgruppe vorstellten. Was hören wir, wenn der andere sagt: „Der Fenster ist offen“? Vermutlich alles außer „Das Fenster ist offen“. Das Appell-Ohr hört eine Aufforderung: „ICH soll es also zumachen!“ Das Beziehungsohr könnte hören: „Meine Klassenkameradin ist wieder genervt von mir, ich kann es ihr nie recht machen...“ Das Selbstoffenbarungsohr versetzt sich in die Gefühle des Sprechers hinein. Und sollte tatsächlich das Sachohr eingeschaltet gewesen sein, dann würde es einfach vom offenen Fenster hören und das Gehirn vielleicht zu Gedanken über   Temperaturen und Mücken anregen...

Um einmal auf jedem dieser Ohren zu hören, gingen die Teilnehmerinnen in jeweils eine Klassenraum-Ecke und „übersetzten“ von dort einen von den Kursleiterinnen gesprochenen Satz. Dann wurde rotiert, und man hörte einen neuen Satz mit einem anderen Ohr. Als Mediator - das versteht sich von selbst - hört man am besten mit allen vier Ohren!

Sehr turbulent ging es bei Klaus Lutz‘ Spiele-AG zu. Die herrlichsten Gruppenspiele machten wieder einmal deutlich:  Nirgendwo wie im Spiel lernt man so unmittelbar,  Skepsis zu überwinden, Humor und Mut zu beweisen, Koordination und Sozialsinn zu fördern. Hinter Sprache kann man sich verstecken. Wenn man aber im Zentrum eines Menschenkreises steht und sich nach hinten fallen lässt, heißt das wirklich: Ich vertraue, dass mich hinter meinem Rücken jemand auffängt.

Auf diese Weise ging es beherzt durch Stock-Spaliere, wurden „Blindgänger“ per Schultertippen gesteuert, setzten sich alle im Kreis bei „drei!“ gleichzeitig auf die Oberschenkel des Hintermannes, berappelte sich eine Raupe aus aneinander geschobenen Jungsbeinen auf die Knie... und schaffte es schließlich die ganze Gruppe nach vorhergehender genauester Manöverberatung (Wie kann es gelingen? Wer macht was an welcher Stelle?), wortlos einen halb gefüllten, wackeligen Plastikbecher auf einer riesigen Plastikplane über das Schulgelände zu tragen. Und tatsächlich: Er fiel nicht um!

Bewegt ging es am Abend weiter, nachdem die Kongressteilnehmer sich am reichhaltigen Büfett in der Mensa den Bauch gefüllt hatten. Die Qual der Wahl: Volkstanz mit Annette Lutz oder rhythmisches TaKeTiNa mit Schulvater Siegfried Renz? Da mir das mittwöchliche Volkstanzen vertraut war, machte ich bei Siegfried mit. Der Blick nach unten auf zaghafte Füße zeigte, dass selbst nach 30 Minuten mit gleichem Schrittmuster die Koordination bei vielen noch haperte. Aber der Blick nach oben in aufgeschlossene und teils beseelte Gesichter zeigte, dass das Gemeinschaftsgefühl im Kreis rund lief…

Auf Armin Woys politischer Nachtwanderung über den Seeberg ließ es sich anschließend  angenehm vereint an Ein-Mann-Bunkern gruseln, bevor sich die Outdoor-Freunde am Lagerfeuer nieder ließen und die Indoor-Fans im Nachtcafé im Gartenbauraum chillten.

Ob das Pensum der gemeinsamen Schlafstunden in den verschiedenen Klassenräumen erreicht wurde, habe ich am nächsten Morgen beim Plenum sicherheitshalber nicht recherchiert. Die Vertreter der einzelnen AG‘s - an dieser Stelle sei noch der Mediatoren-Erfahrungsaustausch erwähnt - resümierten jedenfalls wach aus ihren Gruppen, und dieser gut vorbereitete und von vielen Menschen unserer Schule sehr engagiert durchgeführte Mediatorenkongress (Ein großes Dankeschön!!!) endete mit vielen kleinen Aha-Erlebnissen, aber ganz sicher mit der Erkenntnis: Gewaltfreie Kommunikation ist eine Universalsprache, die zu erlernen es sich zu jedem Lebenszeitpunkt lohnt!

Renate v. Eicken

 

Was man alles bedenken muss!

Schon vor einigen Wochen traf sich das Vorbereitungsteam des Mediationskongresses. Wir besprachen alles, was es zu organisieren gab, zum Beispiel überlegten wir uns das Thema des Kongresses oder machten uns Gedanken darüber, welches Klassenzimmer für die Früh- und welches für die Spätschläfer am geeignetsten ist. Außerdem machten wir die Essensplanung und verteilten unter uns einzelne Aufgaben, wie etwa das Nachtcafé zu organisieren.

Die Vorbereitungen haben lustigerweise sehr viel Spaß gemacht. Wir waren circa neun SchülerInnen mit Sarah Renner als Lehrerin, Regine Weimar, Armin Woy und Anja Godenschweger als Eltern. Ich hätte nicht gedacht, was man für zwei Tage alles bedenken und organisieren muss!

Beim Kongress bekam unser Organisationsteam extra Schilder, damit jeder wusste, dass man bei Fragen immer zu uns kommen kann. Eigentlich wollte ich mein Schild als Erinnerung aufheben, jedoch wurde es samt meiner Hose in die Waschmaschine gesteckt...

Schon zu Beginn des Kongresses lernte ich zwei sehr nette Mädchen aus der Waldorfschule Karlsruhe kennen, mit denen wir sogar eine Whatsapp-Gruppe machten, um uns trotz vieler 100 Kilometer zwischen uns noch austauschen zu können.

Eyla Wientgen