Schüler-MediatorInnen im Real Life

Wie verhalten wir uns bei Konflikten außerhalb der Schule?

Unter dieser Fragestellung hatte der Verein INTEResse e.V. zum 6. Streitschlichter-Kongress am 17./18. Mai 2013 nach Karlsruhe eingeladen. Nachdem auf den vergangenen Kongressen vor allem die Bearbeitung von Mobbing und die Einrichtung des Online-Hilfeforums mobbing-ist-loesbar.de durch die Jugendlichen selbst im Mittelpunkt gestanden hatte, hatten vor allem die jungen Erwachsenen bei INTEResse e.V. im Sinn, mit den Schüler-MediatorInnen gemeinsam zu überlegen, wie die »Streitschlichterkompetenzen« im Leben außerhalb und nach der Schule als Ressource, aber vor allem als Aufgabe nutzbar werden können.

Im Aufruf der Jugendlichen selbst heißt es dazu: »Wir SchülermediatorInnen werden uns aus ganz Deutschland treffen, um uns mit den unterschiedlichsten Themen auseinanderzusetzen, wobei in diesem Jahr unser Verhalten außerhalb der Schule besonders im Vordergrund steht. Wir wollen Fragen bearbeiten, die über die Schule hinaus führen: Wie können wir uns, als MediatorInnen und als Menschen verhalten, wenn wir die Missstände in der Welt und in unserer unmittelbaren Umgebung sehen? Können oder müssen wir uns einmischen, wenn wir in eine Situation kommen, in der wir Ungerechtigkeit erleben? Wie hilft uns unsere Arbeit als SchülermediatorInnen dabei?«

Mit dabei als Workshop-ReferentInnen waren u.a. Irmela Mensah-Schramm aus Berlin, die durch ihre konsequente »Putzarbeit« an rassistischen Hauswandparolen und mit der Parole »Hass durch Kreativität auflösen« für Beharrlichkeit und Vertrauen in den Menschen steht. Dr. Jürgen von Oertzen aus Karlsruhe schlug die Brücke zur Erwachsenen-Mediation und zur Frage, was Schüler-MediatorInnen außer der Schnelligkeit eventuell noch anders machen im Konfliktfall. Hoch interessiert und motiviert arbeitete eine große Gruppe von Schüler-MediatorInnen und einzelnen Erwachsenen heraus, dass die Unterschiede zwischen Streitschlichtung und Erwachsenen-Mediation eher in der Form und den Rahmenbedingungen liegen, im Kern aber mit den gleichen Methoden die gleichen Ziele angestrebt werden. Es wurde schnell deutlich, dass für Schüler-MediatorInnen Mediation nicht vorbei ist, wenn die Schule endet, sondern zum Prinzip werden möchte.

Diese Prinzipien guter konstruktiver Konfliktlösung und die Frage, was denn eigentlich gebraucht wird, damit eine Gemeinschaft mit Konflikten konstruktiv umgehen, die ihnen inne wohnenden Chancen ergreifen und somit Perspektiven aus ihnen entwickeln kann, standen in mehreren Plenumsrunden im Mittelpunkt:

  • Vorurteilsfreiheit
  • Bereitschaft zum Verstehen wollen, auch aus anderen Perspektiven
  • Interesse
  • aber auch Authentizität und Anerkennung eigener Kompetenzgrenzen.

Das Prinzip des Vertrauens in die eigenen Ressourcen von Beteiligten, auch wenn diese gerade nicht evident erscheinen, also auch der Versuch Augenhöhe zu wagen, wurde in seinen gewaltigen Herausforderungen im Workshop »Bauen mit und für den Menschen« erkennbar. Die »Baumeister« von Amaro Kher ­– einem Roma-Projekt in Mazedonien – zeigten auf, dass letztlich nur Vertrauen in die Fähigkeiten von Menschen, die gemeinhin mit Vorurteilen gestempelt und eher als Hilfeempfänger betrachtet werden, das bewirken kann, was in diesem Projekt gerade entsteht:

Augenhöhe – auch unterschiedlicher Positionen – und daraus resultierend Kooperation zwischen zunächst ungleichen Partnern sowie Ressourcenentwicklung und Partizipation. Sicher ein ungewöhnliches Beispiel, aber sicher auch ein Beispiel für die Wirksamkeit mediativer Prinzipien im gesellschaftlichen Leben.

Quasi als übergreifende Kompetenz für konstruktive Konfliktarbeit kamen auch die Prinzipien Kreativität und Phantasie (Fabian Neidhardt) sowie achtsame (Online-)Kommunikation (Tobias Lorenz und Leon Hotz) in Workshops zum Einsatz. Was macht den Erfolg eines Schüler-Mediationskongresses aus? Vielleicht weniger die Zahlen der Besucher (8o bis 9o junge und ältere Menschen) als mehr die Impulse, die die Besucher nicht nur mitnehmen, sondern selbst aus den gewonnenen Erfahrungen entwickeln. Dazu zwei exemplarische Stimmen:

»Danke für die Anregungen! Ich bin froh, Beispiele erlebt zu haben, an denen Konfliktarbeit noch mehr bedeuten kann als mit zwei Schülern die Spielzeiten an der Tischtennisplatte zu klären!«

»So gesehen könnten wir eigentlich mit Mediationshaltung die Welt an den kritischen Punkten in den Griff bekommen. Ich hab jetzt ne Vorstellung davon, was ich tun kann.«

So war es gedacht: Schüler-MediatorInnen im Real Life!

Angelika Ludwig-Huber aus Karlsruhe

zurück