Konfliktbearbeitung mit Teams und Organisationen

... Der von Rudi Ballreich und PD Dr. Friedrich Glasl gegründete Verlag ist vor allem auf Buch- und Filmliteratur zu den Themen Konfliktmanagement und Mediationsausbildung spezialisiert. Die Neuerscheinung in der Buch- & Film-Reihe PROFESSIONELLES KONFLIKTMANAGEMENT richtet sich in erster Linie an diejenigen, die das Mediieren lernen wollen. Der auf 5 DVDs verteilte, zehn-stündige Lehrfilm ist mehr als nur eine Trockenübung. Schauspielerisch und schnitttechnisch perfekt in Szene gesetzt, wird der klarsichtige und liebevolle Habitus der mediierenden Person sichtbar. Authentisch und animierend erleben wir diese innere Haltung, in der wir uns selbst mit allen Stärken und Macken augenzwinkernd annehmen können. Nach einer ausführlichen Darstellung der Situation und der vom Konflikt tangierten Personen, erleben wir in Kapitel 5 die erste Begegnung mit einem Mediator. Wir dürfen einem souverän und mit Fingerspitzengefühl operierenden Fritz Glasl  bei der achtsamen aber kraftvollen Kontaktaufnahme mit einem Klienten zusehen. Wer schon jemals das kribbelnde Bauchzwicken bei dem Gedanken an „die Kontaktaufnahme“ verspürt hat, wird bei dieser Szene er-frischt aufatmen. Spätestens in Kapitel 6 schaffen es die professionellen Darsteller um das überzeugende Team Ballreich/Glasl, den emotionalen Funken überfliegen zu lassen und den Zuschauer mitten in das Geschehen zu versetzen. Obwohl mir persönlich die „Maske“ von Rudi Ballreich in manchen Szenen eher für die Bühne denn für ein Filmstudio geeignet erscheint und er nach meinem Geschmack optisch gewöhnungsbedürftig, ja fast schon schelmisch kasperhaft auf der Mattscheibe auftaucht, ist dieser visuelle Eindruck schnell verflogen. Das was er zu sagen hat ist meisterhaft fundiert und es ist ein Genuss mit ihm und seinem Kollegen Fritz Glasl in einen Moderationsprozess einzutauchen.

Diese Produktion ist für alle die, persönlich betroffen oder im persönlichen Umfeld, eine konfliktgezeichnete, zwischenmenschliche Beziehung erleben, eine unschätzbare Hilfe. Und das macht den Film auch für die Menschen wertvoll, die nicht direkt an einer Mediationsausbildung interessiert sind. Die Situationen sind derart ergreifend Dargestellt, dass es schier unmöglich ist, sich nicht mit dem Streit zu identifizieren und in einer Art innerem Scan an Konstellationen zu stoßen, in denen wir ähnliches erlebt haben. Wir spüren die Wut und die Verzweiflung des Angreifenden ebenso wie die Betroffen-heit und den Schmerz des Angegriffenen. Derart bewegt, erkennen wir die konkreten Möglichkeiten die wir haben oder gehabt hätten, um Klärungen zu finden, die die Bedürfnisse aller berücksichtigen. In grandioser Weise sehen wir, wie im  Lösungsprozess die Interessen, Wünsche und Befürchtungen aller wahrgenommen und artikuliert werden und wie es gelingt, das Trennende humorvoll auf das wesentliche reduziert, die Streitenden auf einem versöhnenden Weg zu begleiten.

Konflikte sind alltäglich. Konflikte resultieren häufig aus den unterschiedlichen Wahrnehmungen von Bedürfnissen. Ge-paart mit  Missverständnissen führen sie zu, oft nur vermeintlich unterschiedlichen Interessen. So gesehen gilt: Konflikte sind Normalität. Sie sind die natürliche, ja notwendige Folge eines lebendigen menschlichen Zusammenlebens. Das Problem ist weniger, ob es Konflikte gibt, sondern viel mehr wie sie ausgetragen werden. Den Streit offen und fair auszutragen, sich die Meinung zu sagen, ohne sich verletzt zu fühlen oder verletzen zu müssen, den Streit mit einer Einigung, statt mit einem Sieg enden zu lassen, wäre eine Streitkultur in der die Beziehung der Streitenden zu jedem Zeitpunkt in dem der Streit „ruht“ oder beendet ist, nicht gestört, sondern von gegenseitigem Respekt getragen wäre. Doch eine solche Streitkultur ist nicht alltäglich. Richtiges Streiten kann man zwar lernen, allerdings, wenn wir bereits Mitten in einem Streit stecken und einen Konflikt austragen, in dem wir (womöglich ohne es zu wollen) die Fetzen fliegen lassen, haben wir die Sachebene bereits so engmaschig mit der Beziehungsebene verwoben, dass wir den Konflikt kaum noch ohne Hilfe bearbeiten oder zu einer Lösung kommen können. Solange wir aber noch Bereit sind, ergebnisoffen an einen Tisch zu sitzen, ist eine Vermittlung grundsätzlich möglich.

Ohne dass es sein erklärtes Ziel wäre, trägt das Eintauchen in diesen Film zum Aufbau einer solchen, konstruktiven Streitkultur bei. Eine Umgangsform, in der wir uns auch im Streit gegenseitig Wertschätzung und spürbar Respekt zollen können. Jede Person die diesen Film ganz oder in Teilen anschaut, erlebt etwas von der Kraft der Konfliktkultur, in der jede Meinung, jede Sichtweise und auch jeder Widerspruch zulässig und erwünscht ist. Eine Lebensart, in der die Beziehungsebene das Fundament ist, auf dem jede Sachlösung aufbaut. In gelungenen Episoden erleben wir überzeugend eindrucksvoll, dass ein Fortschritt in der Sache dort gelungen ist, wo er auf der Basis tragfähiger persönlicher Beziehungen steht. Das heißt nicht, dass man sich lieben muss. Aber es wird für den Zuschauer zu einer inneren Erkenntnis, dass, erst recht dort, wo es unter-schiedliche Auffassungen gibt, das gegenseitige Respektieren dem produktiven Zusammenarbeiten ungemein zuträglich ist. Lebendig macht dieser Film sichtbar, dass dort, wo alle Beteiligten sich sicher sind, dass sie als Person nicht in Frage gestellt sind, sondern akzeptiert und geachtet werden, ein gewinnbringender, offener Dialog über die Sache entsteht, ohne ständig in Verteidigungs- oder Angriffsbereitschaft sein zu müssen. Insbesondere in den letzten Szenen nehmen wir, den Blick auf den innerbetriebli-chen Kontext lenkend, teil an den positiven Auswirkungen einer konstruktiven Streitkultur auf die Organisationsentwick-lung, die Verbesserung von Arbeitsabläufen und die aufbau-ende Gestaltung einer Unternehmenskultur.

Die DVDs werden in einer ansprechenden Box mit einem ebenfalls darin aufbewahrten umfangreichen Übungsbuch ausgeliefert. Für meine Arbeits- und Lesegewohnheiten ist diese, in kleinster Schrift mit background-facts zum Film und fachkompetentem Wissen angefüllte Broschüre allerdings nicht geeignet. Für mich war es sehr mühsam, dem erschla-genden Druckwerk geeignete Übungen und nützliche Infor-mationen zu entlocken. Von einem Durchlesen „von vorne bis hinten“ ganz zu schweigen. Verbunden mit der Tatsache, dass es die eine oder andere Stelle in den Szenen gab, die auf mich langatmig oder überfrachtet wirkte, komme ich zu der Behauptung, dass es den Machern schwergefallen ist, Prioritäten zu setzen und die all-umfassende Darstellung des Konfliktmanagements professionell zu beschneiden. Dennoch, egal ob es um den Zweipersonenkonflikt oder den zwischen Teams, um mediative Methoden zur Organisationsverbesserung oder um eine nachhaltige Verbesserung der eigenen Konfliktfähigkeit geht: diese Produktion ist ein überaus gelungener Wegweiser, der uns einen alltagstauglichen Einblick in einen tiefgreifenden Mediationsprozess gewährt.

zurück